Blick in den leeren Plenarsaal. Die Kameras schwenken über die Sitze, die Umfragen tanzen, die Talkshows brummen. AfD vorne, SPD dahinter, Grüne vielleicht drin, BSW vielleicht draußen, CDU im Sinkflug und die „Brandmauer“ bröckelt an den Rändern. Michael Seidel analysiert fleißig, wer mit wem koalieren könnte, wer wen tolerieren müsste und ob ein parteiloser „Experte“ als Feigenblatt herhalten soll. Manuela Schwesig, Leif-Erik Holm, Peter Schabbel: allesamt Rädchen in derselben Maschine.
Der Staat als Manager der Ausbeutung
Egal, ob die AfD „regiert“, ob eine „linke“ Dreierkoalition aus SPD und Grünen (plus vielleicht noch etwas) zustande kommt oder ob irgendein „überparteilicher“ Experte mit BSW-Segen durchgewinkt wird: Das Ergebnis bleibt dasselbe. Die Lohnabhängigen werden weiter ausgebeutet, die Mieten steigen, die Pflegekräfte und Erzieherinnen bleiben unterbezahlt, die Landwirtschaft wird von Agrarkonzernen und EU-Subventionslogik diktiert, und die Jugend wandert ab, weil es hier keine Perspektiven gibt, die nicht vom Kapital diktiert werden.
Parlamentarismus ist nicht der Ort, an dem „der Wille des Volkes“ sich ausdrückt. Er ist der Ort, an dem Klasseninteressen verwaltet und legitimiert werden. Die Parteien – alle – sind Apparate, die diesen Prozess organisieren. Die AfD schreit „Systemparteien“ und will gleichzeitig mit der CDU paktierten, um „bürgerlich-konservativ“ zu regieren. Die SPD und Grünen tun so, als sei soziale Gerechtigkeit mit ein paar Umverteilungs- und Klima-Kosmetikmaßnahmen zu haben, während sie den Standort Deutschland und die Wettbewerbsfähigkeit heilig sprechen. Das BSW träumt von „Expertenregierungen“: also von Technokraten, die die kapitalistische Maschine „sachbezogen“ schmieren sollen. Die CDU will die Brandmauer halten oder nicht (je nachdem, wie die Machtkalküle gerade aussehen).
Das ist kein Versagen einzelner Politiker. Das ist das System, das funktioniert, wie es soll: Es absorbiert Unzufriedenheit, kanalisiert sie in Wahlurnen und Koalitionsverhandlungen und stellt sicher, dass die Eigentumsverhältnisse, die Lohnarbeit und der Staat selbst unangetastet bleiben.
Echter Wandel ist nicht wählbar
Wer glaubt, man könne durch cleveres Koalieren, durch „linke Mehrheiten“ oder durch „rechte Korrekturen“ den Kapitalismus zähmen oder gar überwinden, hat die Lektion der letzten 150 Jahre nicht begriffen. Sozialdemokratie hat den Sozialstaat verwaltet und ihn dann, als es wirtschaftlich opportun war, abgebaut. Die Grünen haben den Ausstieg aus der Atomkraft und den Einstieg in den grünen Kapitalismus organisiert: mit demselben Wachstumszwang und derselben Ausbeutung. Die AfD wird, sollte sie je regieren, die gleichen Zwänge spüren: Haushaltsdisziplin, Standortlogik, EU-Verträge, Eigentumsgarantie. Sie wird rassistische und autoritäre Elemente verschärfen, aber die Klassenstruktur nicht antasten. Im Gegenteil: Sie braucht sie.
Revolutionärer Wandel beginnt nicht im Plenarsaal von Schwerin. Er beginnt dort, wo die Macht wirklich liegt: in den Betrieben, in den Wohnvierteln, in den Versorgungsketten, in der Fähigkeit der Ausgebeuteten, die Produktion und Reproduktion des Lebens selbst in die Hand zu nehmen. Selbstorganisation statt Stellvertretung. Räte statt Parlamente. Enteignung statt Subvention. Abschaffung der Lohnarbeit und des Privateigentums an Produktionsmitteln statt „sozialer Marktwirtschaft“ in welcher Variante auch immer.
Die ständigen Diskussionen über Brandmauern, Expertenkabinette und „Mehrheiten“ sind Ablenkung. Sie halten die Illusion am Leben, dass die nächste Regierung irgendwie anders sein könnte. Sie ist es nie. Sie kann es nicht sein, solange der Staat der Staat des Kapitals bleibt.
Solange wir uns im Hamsterrad der Wahlen und Koalitionen drehen, bleibt der Wandel eine Fata Morgana. Echter Bruch beginnt, wenn wir aufhören, das System zu reparieren, und anfangen, es abzuschaffen.